Haarfibel

Blond oder braun?

Welche Haarfarbe steht mir besser?

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Schauen Sie sich die beiden Frauen auf unserem Titelbild einmal genau an. Fällt Ihnen etwas auf? Auch beim zweiten Hinschauen nicht? Dann will ich’s Ihnen verraten: Das blonde Model ist eigentlich braunhaarig und das andere ist von Natur aus blond. Sie haben es nicht bemerkt – ich übrigens auch nicht –, weil wir die beiden nicht kennen. Würden sie zu unserem Freundeskreis zählen, dann hätten wir sie – gleich nachdem sie uns mit ihrer neuen Haarfarbe über den Weg gelaufen wären – mit Kommentaren nur so überschüttet. Und nicht immer wären es Komplimente gewesen. Dies ist auch der Grund dafür, warum viele Frauen, die sich einmal für eine ‚neue‘ Haarfarbe entschieden haben, meist dabei bleiben; sieht man mal von Farbveränderungen im Bereich kleinerer Nuancen ab.

Wir Menschen werden geprägt von Gewohnheiten. Die ein oder andere Überraschung mal außer Acht gelassen, verläuft so ziemlich alles in recht geregelten Bahnen. Alle zwei, drei Wochen essen wir das, was noch vor kurzem auf unserem Speisenplan stand, erneut. Und im selben Zeitraum ziehen wir auch die Hose wieder an, die längst gebügelt wieder im Kleiderschrank liegt. Die Reihe lässt sich fortsetzen. An ihrem gedanklichen Ende mündet unser Verhalten in einen Rhythmus, dem wir nicht entkommen können, weil wir ihn uns selbst auferlegt haben. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit wird sich auch niemals etwas daran ändern.

Gewohnheiten vermitteln uns Sicherheit. Veränderungen signalisieren Gefahr. Zurückzuführen ist diese These auf die frühmenschliche Entwicklung, innerhalb derer das blanke Überleben das Maß allen Handelns prägte. Ein Neandertaler aß – nachweislich – fast immer das gleiche, um – triebgesteuert – auf Nummer sicher zu gehen. Auf die Verlockung einer leuchtenden, aber giftigen Beere hereinzufallen, hätte ihm – andernfalls – das Leben gekostet. Ebenso verlief damals der Kontakt zu den Menschen untereinander. Wer zum Stamm eines Volkes gehörte, den erkannte jedes einzelne Mitglied sofort und überall, denn sowohl die spartanische Kleidung, als auch die Haut- und Haarfarbe waren wohlbekannt. Ein Eindringlich, vielleicht ein Feind, konnte so in Windeseile dingfest gemacht werden.

Auch heutzutage orientiert sich der sogenannte Gruppenzwang an den Regeln von früher. Nur trägt er im Hier und Jetzt nicht mehr dazu bei, die Arten zu erhalten. Unsere Gesellschaft ist feinfühliger geworden, weil das pure Überleben nicht mehr im Mittelpunkt steht. Geblieben ist aber der visuelle Trieb, der die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe nach wie vor prägt. Und so lange sich alle Mitglieder einer solchen Gruppe an einen gewissen Code halten, solange fällt derjenige, der sein Äußeres abrupt ändert, fürs erste – fast unbesehen – durchs Raster. ‚Blond oder braun?‘ ist eine Philosophie. Ein Statement, das um Anerkennung buhlt.

Irgendwann hat jeder seine Lieblingshaarfarbe entdeckt. Bis auf eine kleine Schar illustrer Enfants terribles, die jedem – auch noch so unbedeutenden – Trend hinterherjagt. Und irgendwie ist das auch gut so. Immerhin trennt sich auf diese Weise die Spreu des Geschmacklosen vom Weizen eines klassischen Stils. Doch wer bestimmt diesen Stil? Sie selbst sind es fast nie, es sei denn, Ihr Empfinden erweist sich als derart unfehlbar, dass einfach immer alles zueinander passt. Aber das ist selten. Denn neben den Farben Ihrer Kleidung, die Sie anziehen und deshalb frei wählen können, bestimmt vor allem Ihre Persönlichkeit die Farbe Ihrer Haare. Und längst nicht in allen Fällen ist die Vorgabe der Natur – also Ihre ureigene Haarfarbe – das Non-plus-ultra. Mit Ratschlägen von Freunden und Bekannten sollten Sie sehr bedacht umgehen. Meist verstummt die anfängliche Euphorie sehr schnell, nämlich dann, wenn Sie die Probe aufs Exempel gemacht haben.

Zeitsprung. Es war einer dieser Zufälle, die man nicht alle Tage erlebt. London Downtown. Unweit des Themse-Ufers. Nach einem Geschäftstermin hatte ich noch ein wenig Zeit. Und neugierig bin ich seit eh und je. Ohne zu zögern ging ich hinein. ‚Tony and Guy‘ ist eine der ersten Adressen der City, wenn es um exklusive Frisurenkreationen geht. Die Stars der Szene geben sich hier die Klinke in die Hand. Doch mir ging es nicht darum, Ihnen nachzueifern. Mich interessierte vor allem, welche Farbe mir ein exzellenter Friseur, der mich noch niemals zuvor gesehen hatte, empfehlen würde. Mein Naturton ist ein dunkles Blond, das jedoch etwas fahl wirkt. Bereits seit Jahren lasse ich es deshalb etwas heller und leuchtender färben. So richtig blond ist es allerdings nicht.

„Welche Haarfarbe steht mir am besten, was meinen Sie?“ fragte ich den, der es wissen musste. Und dann sagte ich noch: „Ich verlasse mich ganz und gar auf Ihre Entscheidung.“ Ich weiß nicht, ob der Senior-Stylist darauf gewartet hatte, endlich einmal ein eigenes Urteil fällen zu dürfen, ohne Rücksicht auf die Wünsche seiner Kundin nehmen zu müssen. Eine gewisse Verblüffung stand ihm jedenfalls ins Gesicht geschrieben. Doch ganz so einfach machte er’s sich nicht. Eine ganze Weile unterhielt er sich mit zwei Kolleginnen, die mich nach allen Regeln der Kunst in Augenschein nahmen.

„Surprise, surprise!“ Nach mehr als zwei Stunden erkannte ich mich nicht wieder. Ungläubig schaute ich gefühlte tausend Male in den Spiegel, der mir ebenso oft die Reflexion des gewohnten Bildes verwehrte. Das Braun war dunkel. Fast so dunkel wie der Farbton einer Zartbitterschokolade. „Was würden die anderen sagen?“ schoss es mir durch den Kopf. Doch irgendwie gefiel mir die neue Farbe auch ein klitzekleines bisschen.

Auf dem Weg zum Taxi blickte ich in jede Schaufensterscheibe, die an mir vorüberzog. Einmal blieb ich sogar stehen und drehte mich in alle Richtungen. „Na ja“, dachte ich optimistisch, „du hast es ja so gewollt.“

Am darauffolgenden Tag im Büro fielen die Meinungen gespalten aus. Die einen waren fast entsetzt, aber die anderen fanden’s toll. Nach gut einer Woche hatte sich die Aufregung gelegt. Und genau zu diesem Zeitpunkt kommt wieder der Aspekt zum Tragen, den ich bereits eingangs erwähnt hatte. An das Neue, an das Unerwartete muss man sich erst einmal gewöhnen. Mir ging es ja genauso. Das Unerhoffte jedoch, so es denn eine Überraschung der besonderen Art darstellt und gleichsam überzeugend daherkommt, begeistert den wahren Kenner bereits auf Anhieb. Und auf dessen Meinung legen wir doch den größten Wert, oder?

Zartbitter ist meine Farbe. Mein Make-up habe ich – nach einigen Experimenten – etwas aufgehellt. Und auch der Lidschatten kann jetzt ruhig etwas feuriger ausfallen. Am besten steht mir ein nicht zu aufdringliches Blau-Violett.

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