Frauengespräche

Anstand und Moral

Die Zeiten ändern sich

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Besiegelte noch vor einhundert Jahren ein Handschlag den Geschäftsabschluss unter Kaufleuten, so sind heutzutage Tricksereien, Falschaussagen, nicht eingehaltene Verträge, ja sogar Betrügereien an der Tagesordnung. Die Welt ist nicht mehr so ehrlich wie sie einmal war. Zwar wurde auch im 19. Jahrhundert geschummelt und betrogen, doch die Ausmaße von heute sind bislang unerreicht. Was tagtäglich in der Presse zu lesen ist, stellt nur die Superlative in den Vordergrund, dabei entsteht die Missachtung von Anstand und Moral bereits in der kleinsten Parzelle: im täglichen Zusammenleben.

Monique hat ihren Freund betrogen. Der Vorfall ereignete sich im Anschluss an eine Party, auf die sie alleine gegangen war. Eigentlich wollte Paul sie nur heimbringen, doch als beide händchenhaltend im Auto saßen, entschied sich Monique anders und begleitete Paul nach Hause. Ein Vorfall mit Folgen. Keine drei Tage später las Boris, Moniques Freund, rein zufällig eine E-Mail, die Paul an sie geschrieben hatte. Das Theater war groß. Boris zog seine Konsequenzen und verließ die gemeinsame Wohnung. Monique und Paul fanden trotz der heißen Liebesnacht nicht zueinander und so endet die Episode.

Patricia hatte ihrer Freundin Michelle – Mutter zweier kleiner Jungen – versprochen, mit ihr zum Campen zu fahren. Ein schönes Wochenende sollte es werden, ein ausgelassenes. Mit Rudern auf dem See, toben auf dem großen Spielplatz und ganz viel Zeit füreinander. Einen Tag vor der Abreise sagte die gute Freundin den Trip völlig unvermittelt ab. Michelle begab sich dennoch auf die Reise und verlebte mit ihren Kindern drei wundervolle Tage. Kurz darauf erfuhr sie von einer Bekannten, dass Patricia an dem besagten Wochenende mit einem Mann auf einer Vernissage gesehen wurde.

Zwei Beispiele aus dem Alltag, die stellvertretend für viele stehen. Übergeordnet weisen sie eine Gemeinsamkeit auf: die Enttäuschung. Bei Boris war sie sicherlich wesentlich größer als bei Michelle, dennoch wird auch sie diesen Vorfall nicht vergessen. Ein Vertrauen wurde missbraucht, ein Vertrauen, das jeder der beiden in den anderen investiert hatte, ist zerbrochen.

Die Schuldigen sind ohne Umschweife schnell festzumachen, selbst wenn es in der Beziehung zwischen Monique und Boris bereits gekriselt haben mag. Patricia hat Michelle versetzt, das ist ebenso nicht zu verzeihen. Monique und Patricia werden also an den Pranger der Moralisten gestellt. „Wie konnte es soweit kommen?“ lautet die Frage und viel mehr geschieht zumeist nicht. Die ehemaligen Freundinnen werden sich zukünftig aus dem Wege gehen und Boris hat Monique ohnehin die Freundschaft gekündigt. Weitere Konsequenzen Fehlanzeige. Doch genau hier beginnt das Problem.

Boris und Monique haben ihren Kontakt beendet, Patricia und Michelle ebenso. Vielleicht werden sich diese ehemaligen Freunde ab und an noch einmal über den Weg laufen, ein direkter Kontakt wird aber wohl (erst einmal) vermieden werden. Sowohl das enttäuschte Personen-Paar (Michelle und Boris) als auch die Verursacher (Patricia und Monique) werden zukünftig eigene Wege gehen. Und genau deshalb wird das Fehlverhalten im Regelfall auch nicht sonderlich gerügt werden. Die Distanz ist es, die dies verhindert. Es mag sein, dass die Enttäuschten schlecht über die Verursacher reden, genauso wahrscheinlich ist aber auch das Verharren im Stillschweigen, weil Michelle und Boris keinerlei Interesse daran hegen, sich als Moralapostel aufzuspielen.

Was bleibt, ist ein weiterer schwarzer Strich auf der nicht enden wollenden Liste des mangelnden Anstands. Nur deshalb, weil meist keinerlei Sanktionen erfolgen, verrohen die Sitten zusehends. Stünden Monique und Patricia in der Öffentlichkeit, dann würden sie durch die Presse zerrissen werden.

Nun soll kein falscher Eindruck entstehen. Ich sehe mich nicht als Richterin der Moral, aber dadurch, dass die Werte, die die Moral in ihr luftiges Gesetzblatt geschrieben hat, stets aufs Neue missachtet werden, ohne dass ein großes Aufheben erfolgt, – dadurch wird den Übeltätern eine Art Freischein ausgestellt. Und eben dieser Freischein ist es, der Anstand und Moral ihres Fundamentes beraubt.

Es war die zweite Beziehung in meiner Jugendzeit. Sven – so glaubte ich felsenfest – ist eine ehrliche Haut. Ganze zwei Jahre dauerte unsere Liaison, bis ich ihn in flagranti ertappte. Ich fiel aus allen Wolken und war kurz davor, ins Wasser zu gehen. Doch dann besann ich mich und ging in die Offensive. Auf dem Abschlussball unserer Tanzschule (er durfte einfach nicht fehlen, – ob er wollte oder nicht) rief ich ihm lauthals übers Parkett entgegen: „Ich schäme mich für dich!“ Alle starrten ihn an. Beim abschließenden Tanz mit den Eltern war er nicht mehr zugegen. War es die Peinlichkeit der Situation oder einfach nur die Flucht nach hinten? Ich weiß es nicht, doch eines weiß ich ganz genau: Ich habe ihn vor versammelter Mannschaft bloßgestellt und somit – als angehende Moralistin – dazu beigetragen, dass mein lieber Sven diesen Abend zeitlebens nicht mehr vergessen wird.

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