Frauengespräche

Einen Schritt zu weit

Kurzgeschichte

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Der kleine Club in unserer Stadt war die erste Adresse, wenn es darum ging, abends auszugehen, sich zu vergnügen, vor allem aber um richtig gute Musik zu hören. Nicht der Mainstream war es, der die Besucher faszinierte, – es war ein Mix aus vergangenen Epochen, der immer wieder etwas anders interpretiert wurde. Mal stand ein Sänger aus Louisiana neben dem DJ und parodierte James Brown. Mal begleitete ein Saxophonist einen Song so virtuos auf seinem Instrument, dass einem beim Tanzen eine Gänsehaut über den Rücken lief. Was auch immer in unserem Club den Abend und die Nacht um ein unvergleichliches Erlebnis bereicherte, – jedes Mal waren wir uns einig: Am nächsten Samstag sind wir wieder dabei!

Es war recht spät. Mit meinen beiden Arbeitskolleginnen saß ich an der Bar und trank einen Prosecco. Gerade unterhielten wir uns angeregt über einen afrikanischen Trommler, der wie Rumpelstilzchen auf der Tanzfläche umhersprang, als sich zwei Männer in unmittelbarer Nähe zu uns gesellten. Beiden waren ganz in schwarz gekleidet. Einer schöner als der andere. Sie bestellten Espresso und tranken in einem Schluck. Erst dann schauten sie sich um. „Der mit dem Hut!“ sagte ich vollends begeistert, nachdem ich die beiden eine Weile beobachtet hatte. „Der mit dem Hut!“ wiederholte ich, doch das Trommelfeuer erstickte meine Worte geradezu so, als ob ich sie niemals gesprochen hätte. Also stand ich auf. Ich wäre niemals, ja niemals in einer solchen Situation aufgestanden. Aber ich stand auf. Ich stand auf und ging hinüber. „Ist das unser Trommelfeuer?“ fragte ich den, den ich am schönsten fand und ließ meine Knie erzittern. Etwas verlegen antwortete jener, der gemeint war: „Das kommt ganz darauf an!“ Sogleich führte er mich auf die Tanzfläche. Was dann geschah, mündete regelrecht in einer Explosion. Wir ergaben uns den Klängen der Musik, ließen jede Etikette fallen, drängten die Tanzenden beiseite und schließlich küssten wir uns! Mit offenem Mund stand ich da und traute meinen Sinnen nicht mehr.

Auf der Heimfahrt gelang es mir nur mit Mühe, meine beiden Freundinnen auf meine Seite zu ziehen. „Du bist ja völlig übergeschnappt!“ quittierte die eine mein Verhalten, und was die andere gesagt hat, mag ich hier nicht schildern. Wie dem auch sei: auf einem halben Bierdeckel, den ich in meiner Handtasche verwahrte, war die Telefonnummer des Schönen notiert.

Zu Hause angekommen kochte ich erst einmal Kaffee. Und während ich ihn trank, kam ich nach und nach zur Besinnung, wenngleich mich diese Besinnung nicht davon überzeugen konnte, einen Fehler begangen zu haben. Gut, in den Augen eines Moralapostels hatte ich mich vielleicht daneben benommen, doch was interessierte mich das Geschwätz der Leute? Was mir durch den Kopf ging, war die Selbstverständlichkeit, mit der ich mich einem Fremden hingegeben hatte, denn so etwas entsprach ganz und gar nicht meinem Naturell, obwohl ich zugeben muss, dass ich damals meine Fühler nach einem Partner ausgestreckt hatte. „Du hast lediglich die Gelegenheit beim Schopfe gepackt“, redete ich mir ein und ging zu Bett, ohne jedoch einzuschlafen. Hier und jetzt hätte ich meinen Lover anrufen können, doch ich tat es nicht. Diese Option wollte ich mir vorerst offenhalten.

Am Montag im Büro herrschte eine spürbare Anspannung. Für mich war es nicht schwer, den Grund dafür herauszufinden. Bea und Sandra hatten geplappert. Die beiden zur Rede zu stellen lag mir fern und so zog sich die Missstimmung hin bis zum Mittagessen in der Kantine. „Hast du ihn schon angerufen?“ wollte Sandra wissen. „Ich habe bereits mit ihm geschlafen“, entgegnete ich, „noch in derselben Nacht.“ Dann zog Ruhe ein. Eine trügerische Ruhe.

Am Abend war es endlich soweit. „Zwei Tage des Wartens sind genug, – genug für beide“, sagte ich mir und wählte die Nummer, die auf dem Bierdeckel stand. Damian, so hieß meine Bekanntschaft, meldete sich. Als er jedoch meinen Namen hörte, war er kurzangebunden und meinte nur: „Das hättest du mir auch früher sagen können.“ Dann legte er auf. Ich war wie vor den Kopf gestoßen. „Was hätte ich ihm früher sagen können?“ fragte ich mich, als sich eine tiefe Enttäuschung in mir ausbreitete. Doch schnell gewann ich meine Fassung zurück, denn eines wurde mit plötzlich sonnenklar: Irgendjemand musste mir mit seinem Anruf zuvorgekommen sein. Und diejenige hatte Damian etwas über mich erzählt, was mich bei ihm in Misskredit gestellt hatte. Ich musste nicht lange überlegen, um herauszufinden, wer das gewesen sein könnte. Vorerst hielt ich es jedoch für klug, Damian nicht in die Turbulenzen einzuweihen. Doch woher hatte diejenige seine Telefonnummer, die doch einzig auf dem Bierdeckel stand? Ich überlegte hin und her. Wir waren alle drei gemeinsam nach Hause gefahren, und es war mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass weder Bea noch Sandra in den Club zurückgekehrt waren, um Damian etwas über mich zu erzählen. Dieser Gedanke lief also ins Leere. „Der Bierdeckel!“ dachte ich schließlich. Er befand sich Montagmorgen nach wie vor in meiner Handtasche als ich ins Büro gefahren war. Und eine der beiden, oder beide könnten beobachtet haben, wie Damian im Club seine Telefonnummer auf dem Bierdeckel hinterlassen hatte. Und weil sie eifersüchtig waren, haben sie ihn angerufen und mich bei ihm angeschwärzt. Sie mussten zuvor allerdings in meiner Handtasche geschnüffelt haben, was im Büro durchaus möglich ist. Wut stieg in mir auf. Nun war es an der Zeit, einen Plan zu schmieden, um es den beiden heimzuzahlen. Und einer, dessen war ich mir sicher, würde mir dabei helfen.

Am Dienstag fuhr ich wie gewohnt ins Büro. Das Übliche. Bea und Sandra saßen am Tisch gegenüber, dort wo sie seit zwei Jahren ihre Arbeit verrichteten. Neben mir stand nur ein großer Drucker. Hinter und vor uns versperrten Stellwände die Sicht auf all die anderen, die hier arbeiteten. Wir waren also unter uns. Sandra brachte Kaffee und fast erschien es mir, als war sie darauf aus, das, was ich vermutete, wieder gutzumachen. Bea las in ihrem Horoskop, obgleich sich die Akten auf ihrem Tisch ein Stück weit türmten.

Punkt zehn Uhr klingelte mein Telefon. „Es ist Damian“, sagte ich den beiden. „Ich schalte mal den Lautsprecher ein.“ Totenstille. Sandra lief rot an, Bea bewahrte die Kontenance. „Ja, hier ist Damian. Wir kennen uns ja bereits“, verkündete der Anrufer. „Ich studiere hier gerade ähnliche Fälle in unserer Kanzlei: In fremden Handtaschen zu kramen verletzt die Privatsphäre und anderen gegenüber etwas Falsches zu behaupten, erfüllt den Tatbestand der üblen Nachrede. Susanne ist doch gar nicht verheiratet.“ Sandra begann zu weinen und Bea entschuldigte sich: „Das war doch alles nicht so gemeint“, wandte sie ein. „Aber so behauptet!“ konterte der Anwalt. „Ich unterbreite Euch dreien einen Vorschlag zu Güte, eine außergerichtliche Einigung sozusagen: Wir treffen uns am Samstag im Club und dann reden wir über alles. Und ein paar Freunde bringe ich auch noch mit.“ Alle nickten und alles war gut.

Gleich am Abend fuhr ich zu Damian. „Das hast du richtig gut gemacht“, lobte ich ihn. Es folgten drei Tage, die meinem Erlebnis auf der Tanzfläche in nichts nachstanden. „Setz‘ noch einmal deinen Hut auf!“ drängte ich Damian, als ich, in der Küche stehend, das Abendessen vorbereitete. Sogleich kramte er sämtliche Kochtöpfe des Haushalts hervor und platzierte sie auf dem Küchentisch: „Trommle du noch einmal so, wie er es getan hat!“

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