Frauengespräche

Ich verlasse ihn!

Trennungen mit Konsequenzen

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„Ciao Amore!“ sagte Sergio mit seiner unvergleichbaren, sonoren Stimme, die mich an Lucio Dalla, das Urgestein des italienischen Chansons erinnerte. „Ciao Amore!“
wiederholte er seinen Abschiedsgruß noch einige Male und schließlich weinte er. So gut es eben ging verbarg ich meine Tränen, obgleich mir zum Heulen zumute war. ‚Trennungen sind grausam‘, dachte ich völlig aufgelöst, als ich meinen Platz einnahm im Abteil eines Zuges der Eisenbahn, der mich nach Hause führen würde. Weg von ihm, dem Geliebten. Weg von allem, was mir seit zwei Wochen das Glück auf Erden beschert hatte. Tottraurig verstaute ich meinen Erlebniskoffer hoch oben über meinen Sitz, dort wo ihn meine Gedanken vermissten. Schlanke Pinien, sattgrün voller Hoffnung, flimmerten vorbei. Einmal auch eine Kirche. ‚Für’s Beten ist es jetzt eh zu spät‘, dachte ich und kramte ein Buch aus meiner Handtasche hervor. Gedankenverloren las ich, ohne zu lesen. Ein Tunnel. Ganz plötzlich. Ich erschrak. Dann wieder nur der monotone Klang der stählernen Räder, die sich auf den Gleisen rieben.

Meine Geschichte ist schnell erzählt: Auf einer Geschäftsreise, die mich nach Florenz führte, lernte ich Sergio kennen. Und obschon ich mit meinem Freund bereits seit zwölf Jahren zusammenlebe, ließ ich mich auf meine neue Bekanntschaft ein. Und so dauerte es nicht lange, bis wir im Bett landeten. Alles war so himmlisch schön, dass ich am liebsten noch einmal von vorne begonnen hätte. Doch wie das oftmals eben so ist, hatte mich mein Leben mit allem Drumherum längst an die Kette gelegt, so dass es schon eines großen Knalls bedurfte, um einfach Reißaus nehmen zu können.

Eine eingefahrene Lebenssituation, flankiert von einer langjährigen Beziehung, die in alter Gewohnheit so vor sich hindümpelt, wirft bei vielen Paaren nicht selten die Frage auf, wie es weitergehen soll. In den meisten Fällen ändert sich nichts, weil beide eine Konfrontation scheuen, die am Ende das Aus bedeuten würde. In vielen Fällen herrscht jedoch ein Ungleichgewicht in Bezug auf den Grad der Unzufriedenheit. In nur rund einem Drittel der Partnerschaften sagen beide, dass sie mit ihrer Beziehung sehr zufrieden sind. Zwei Drittel also, so die Schlussfolgerung, ersehnen sich eine Veränderung herbei. Diese Quote ist – Hand aufs Herz – geradezu alarmierend, bezeugt sie doch, dass – wenn es hart auf hart kommt – einer von beiden das Weite suchen wird. Gründe hierfür können ständige Querelen und Streitereien sein, meist sind sie auf der emotionalen Ebene angesiedelt. Kommt dann noch die Versuchung hinzu (wie in meinem Falle), dann steht man vor einem Trümmerhaufen.

Ganz so dramatisch und ultimativ – da kann ich Sie beruhigen – wird das Ende einer Beziehung jedoch nur selten eingeläutet, denn es gibt da ein Problem für denjenigen, der gewillt ist, alles hinzuwerfen und noch einmal von vorne zu beginnen: Alles, aber auch alles muss neu geordnet werden. Zudem sind oft Kinder angehörig, die einem ans Herz gewachsen sind. Nicht zuletzt gilt es, die finanzielle Situation zu entwirren. Vor diesen Hürden schrecken die meisten zurück und klemmen den Schwanz ein – da mag der neue Partner noch so verlockend daherkommen.

Etwas genauer betrachtet ist aber allein der Entschluss, alles hinter sich zu lassen, bereits ein Keil, den die unbefriedigenden Umstände in die bestehende Beziehung getrieben haben. Und einer ist der Leidtragende: der vermeintliche Verlierer, der trotz aller Wirrungen immer noch zur Stange hält und sich nichts sehnlicher wünscht, als dass sich all das Erlebte über Nacht nur als ein Traum erweist. Doch meist treibt es der/die Unzufriedene – ohne sich der Folgen seines/ihres Handelns bewusst zu sein – auf die Spitze. Seine/ihre Situation ist überaus souverän, kann er/sie doch das ‚Neue‘ mit dem ‚Alten‘ vergleichen: „Sie versteht mich, auch wenn ich mal über die Stränge schlage;“ „Er weiß genau, was ich denke;“ „Im Bett liest sie mir jeden Wunsch von den Lippen ab;“ „Er ist viel hübscher als er.“

Auf diese Weise erfährt er/sie eine gewisse Bestätigung. Natürlich ist er/sie nicht blind. Längst wurde ein Verdacht geschöpft. Doch statt jetzt endlich reinen Tisch zu machen, setzt der Unterlegene zum Gegenzug an: Getreu dem Motto ‚noch ist Rom nicht verloren‘, verdreht und verstellt sich der Leidtragende derart, dass der entschlussfreudige Partner bisweilen verblüfft ist. Manchmal geht das Kalkül sogar auf, nämlich dann, wenn es einzig kleinere Veränderungen des Partners sind, die nun im neuen Licht erscheinen. Meist aber nützt ein solcher Prozess der künstlichen Annäherung rein gar nichts. Dann sind Hopfen und Malz verloren. Überhaupt stellt sich die Frage, warum sich jemand verstellt, nur weil er Wind davon bekommen hat, dass der andere seine Fühler ausgestreckt hat. Wäre nicht ein Ende diesseits der Grenze die adäquatere Reaktion?

Zu Hause angekommen sah ich Paul mit anderen Augen. Jeden Schritt, den er tat, jede einzelne Bewegung verfolgte ich mit Argusaugen. Die Art, wie er mich berührte, wie er mich küsste, inspizierte ich mit größter Neugierde. So, wie ich es niemals zuvor getan hatte. Wie ein Spion kam ich mir vor, wie ein hinterhältiger Gauner, der nicht mit der Wahrheit herausrücken will, weil er weiß, dass er sich damit ans Messer ausliefern wird. Doch er ahnte nichts. Nichts von all dem, was mir zwei Tage zuvor noch den Kopf verdreht hatte, und schon gar nichts von meinem Plan, ihm den Laufpass zu geben. Als er mit mir schlief, schob er zum ersten Mal ein Kissen unter meinen Po, um noch tiefer in mich eindringen zu können. Voller Lust stöhnte ich unter ihm.

Einen Tag später rief Sergio an: „Ich bin in Hamburg“, sagte er kurz und knapp. Ich fiel aus allen Wolken. Wir verabredeten uns in einem Café. Auf der Fahrt dorthin schoss mir alles nur Erdenkliche durch den Kopf. Ich war zum Zerreißen nervös.

Näher und näher kam ich meinem Ziel. Ich grübelte und war froh über jede Ampel, die auf Rot sprang. ‚Die Ehrlichkeit ist das oberste Gebot‘, redete ich mir ein. Doch was besagte sie? Dass ich mich in ihn verliebt hatte, war nicht zu leugnen. Dass ich aber jetzt – oder einen Augenblick später – eine Entscheidung fällen sollte, überforderte mich vollends.

Bereits von weitem sah ich ihn. Er stand vor dem Café und hielt Ausschau nach mir. Mein Puls begann zu rasen. Ich zwängte mich in die nächstbeste Parklücke, warf die Autotür ins Schloss und lief ihm entgegen. Doch als ich ihm um den Hals fiel, rührte er sich nicht. „Was ist mit dir?“ fragte ich ihn und stupste an seine Schulter. „Für dich“, antwortete er, „für dich habe ich alles hinter mir gelassen. Und nun stehe ich da.“ „Was meinst du damit?“ wollte ich wissen und stupste ihn erneut. „Gestern Abend wollte ich dich zu Hause überraschen“, sagte er kühl und ohne Regung. „Ich schlich mich durch den Garten bis an ein Fenster, das geöffnet war. Erst hörte ich nur dein Stöhnen, doch dann sah ich Euch.“ Schweigend verließ ich den Ort unseres Wiedersehens.

1 Kommentar

  1. Gilli

    19. April 2016 um 11:16

    Urlaubsbekanntschaften sind meist nur von kurzer Dauer. Habe ich selbst erlebt. Aber in meinem Fall bin ich auf einen Gigolo reingefallen, der mich ausgenutzt hat. Schön wars trotzdem.

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