Frauengespräche

Simply the Best?

Vom Schönheitswahn zur Normalität

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„Ein neues Supermodel? Das will doch niemand mehr haben! Wer hat schon Lust darauf, ständig im Rampenlicht zu stehen? Und dann die Paparazzi, die einem den letzten Nerv rauben.“ Dieses Zitat einer berühmten Persönlichkeit aus der Welt der Mode spricht aus, was viele denken: Die Tollste zu sein, die Schönste, die, die von allen Männern angehimmelt wird, mag zwar erst einmal faszinierend erscheinen, – ein Blick hinter die Kulissen verrät aber sehr schnell, dass all die, die so leuchtend und glamourös daherkommen, alles andere als zu beneiden sind. Ist also etwas dran an dem Zitat? Will wirklich niemand mehr ein neues Supermodell?

Auf einer Modenschau in Canberra (Australien) erlebte ich eine Überraschung: Zwei der achtzehn Models kannte ich namentlich. Von den übrigen hatte ich noch niemals etwas gehört. Eine von ihnen war Linsey, eine blonde Mittdreißigerin, die etwas schüchtern wirkte. Spontan erinnerte sie mich an die blutjunge Kate Moss, die für Calvin Klein auf dem berühmten Sofa posierte. So devot, so hingebungsvoll hatte ich ein Model selten erlebt. Kurz darauf in Mailand dasselbe Bild: Giusi betörte mich (und die anderen Anwesenden) mit ihren Augen, ihrem Gang und mit ihrer unvergleichlichen Art. Dem sogenannten Schönheitsideal entsprach sie keineswegs. Ach ja, um Mode ging es natürlich auch. Frühjahr/Sommer – neue Akzente.

An diesen beiden Abenden überkam mich ein sonderbares Gefühl. Voller Wehmut dachte ich zurück an die guten alten Zeiten, in denen der Schönheitswahn noch Zukunftsmusik war. Ja damals, als nicht das Supermodel sondern die Mode in all ihrer Pracht im Fokus der Betrachter stand.

Auf einmal war er da. Wie aus dem Nichts leitete der Fotograf Peter Lindbergh die Wende ein. Im Auftrag der britischen VOGUE schuf er 1990 eine Titelbilder-Kollektion, die die Modewelt und mit ihr die Massen elektrisierte. Seine Models wählte er nach einem einfachen, gleichzeitig aber brillanten Prinzip aus: Die besten sollten es sein, die allerbesten. Mit dabei: Tatiana Patitz, Christy Turlington, Linda Evangelista, Naomi Campell und Cindy Crawford. Die Kampagne schlug ein wie eine Bombe! Frauen und Männer gleichermaßen zerrissen sich die Mäuler und erhoben die Schönen zu heldenhaften Ikonen. Das Supermodell war geboren. Dabei ging es – erst einmal – gar nicht um Mode oder etwas Vergleichbares, was zur Kommerzialisierung beitragen sollte, denn weder aufwendig geschneiderte Kleider, extravagante Frisurentrends oder gar Brillanten wurden zur Schau gestellt, – nein, die schöne Frau an sich war der Eyecatcher. Sie war es auch, die fortan alles bisher Dagewesene auf den Kopf stellte, denn auf einmal galten die Supermodels als das Non-plus-ultra, an dem alles gemessen wurde. Vor allem Claudia Schiffer und Kate Moss (zwei Nachzügler der Schönheitsbewegung) verdrehten den Männern die Köpfe – zum Leidwesen der Frauen wie Sie und ich.

Mit dem Ausklang der 1990-Jahre wurde es den Designern zu bunt. Längst hatten sie erkannt, dass die Supermodels ihnen und ihrer Mode die Schau stahlen. Kein Wunder: Denn neben den exorbitant hohen Gagen, die die Prominenten verlangten, geriet die Mode, für die sie über die Catwalks schritten, ins Hintertreffen. Zudem wurde oftmals nur ein einziges Model mit einem Label assoziiert (Karl Lagerfeld – Claudia Schiffer), was gewisse Risiken barg.

In der Folgezeit beruhigte sich die Szene erst einmal. Die sogenannten Supermodels wurden rarer. Doch kurz darauf begann das Spielchen von neuem, nur unter anderem Vorzeichen. Heute sind es vornehmlich Popstars und Schauspielerinnen, die auf den Covern der Modezeitschriften die Neugierde wecken. Und auch die Gagen sind nicht mehr ganz so hoch. Eines freilich ist geblieben: Es sind die Schönsten der Schönen.

Wann, ja wann – so frage ich mich – wird sich die Modeindustrie endlich besinnen? Wann wird sie erkennen, dass wir (die Käufer) mit den visuellen Superlativen nicht standhalten können? Zugegeben – auch ich war verzückt, als ich Kate Moss zum ersten Mal auf dem Calvin-Klein-Sofa sah. Claudia Schiffer hingegen begegnete ich reservierter, weil sie mir meist zu synthetisch erschien. Ist es denn zu viel verlangt, ein klein wenig Rücksicht zu nehmen auf all die, die, morgendlich vor dem Spiegel stehend, das Beste aus ihrem Typ herausholen, wissend, dass sie niemals an die Schönheit eines Supermodels heranreichen werden? Offenbar. Denn niemand glaubt wohl so recht daran. Doch einen Versuch wäre es im Mindesten wert.

Kehren wir zurück zu den beiden Modenschauen in Canberra und Mailand und zu Linsey und Giusi. Ich hatte das Glück, beide bei einer Aftershow-Party persönlich kennenzulernen. Und was soll ich Ihnen sagen? Die aparte Australierin wirkte auf mich wie die Frau von nebenan, mit der man sich nur allzu gerne zum Kaffeetrinken verabreden würde. Und Giusi? Sie war wesentlich jünger und jobbte für die Modelagentur nur nebenbei. Während wir uns unterhielten, sprach sie einen Satz aus, der mir bis heute nicht mehr aus dem Kopf geht: „Unter all den Schönheiten hier bin ich nur eine graue Maus. Aber manchmal ist mein Applaus der lauteste.“

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