Frauengespräche

Der Maler und das Mädchen

Kurzgeschichte

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Kai war ein durch und durch verrückter Typ. In seinem Atelier in Krefeld, das er sich mit drei Freunden teilte, malte er sich die Welt, wie sie ihm gefällt. Dieser eine, dem sie gefallen musste, war natürlich er, denn Kompromisse einzugehen, zählte weiß Gott nicht zu seinen Vorlieben, wenngleich er wusste, dass ein Bild nur dann einen Wert hat, wenn sich jemand findet, der bereit ist, eine entsprechende Summe dafür zu bezahlen. Doch diese Leute fanden sich, und so lebte er – dieser kleine Träumer – ein für ihn akzeptables Dasein. Einmal warf er zwei rohe Eier auf die Leinwand und umrahmte das getrocknete Gebilde mit einem pinkfarbenen Lippenstift. Firnis drauf – fertig. Auf einer Vernissage brachte ihm dieses Kunstwerk über tausend Euro ein. Wenn das nicht ausgebufft ist, was dann? Er selbst sah das ohne Frage ganz anders. Und wenn man ihm eine Weile zugehört hatte, dann begannen seine Worte einen Kokon zu spinnen, seltsam vereinnahmend, einzig mit dem Ziel, ein Teil seiner selbst, seines Denkens zu werden.

Gerade hatte ich mein Psychologiestudium abgeschlossen, als Kai mir über den Weg lief. Mit ein paar Kollegen saß ich im Stadtwald. Bei Weizenbier mit Brezel redeten wir über unsere Zukunft. Einen Tisch weiter ging es laut her: Kai und seine drei Freunde schmiedeten Pläne für die nächste Vernissage. Plötzlich erhob er sich: „Wenn alles nichts ist, dann ist nichts auch alles!“ verkündete er lauter, als es sich schickt, geradeso, als wollte er seine Botschaft in alle Welt hinausposaunen. Alle Welt hat seine Erkenntnis beileibe nicht erreicht. Zumindest aber mich. Ohne zu zögern erhob deshalb auch ich mich und rief einen Tisch zurück: „Wenn alles nichts ist, dann sind Sie nicht alles! Dann sind Sie so klitzeklein wie dieses Stück Brezel, das ich augenblicklich in meinen Mund stecke!“ Verdutzt war er nicht gerade, der Maler. Im Mindesten aber hatte ich sein Interesse geweckt. Zu vorgerückter Stunde machten wir aus zwei Tischen einen und philosophierten bis weit nach Mitternacht über Gott und die Welt.

Es war ein Donnerstag, als ich ihn zum ersten Mal in seinem Atelier besuchte. Für mich war sein Reich etwas völlig Neues. Zwar kannte ich mich ein wenig mit der Malerei aus, doch das, was die jungen Wilden so trieben, war für mich ein Buch mit sieben Siegeln. Nicht, dass mir der Zugang zum Abstrakten fehlte, nein – ich konnte ganz einfach keine klare Leitlinie erkennen in all dem, was dort – aus welchen Antrieben auch immer – mit dem Pinsel auf die Leinwand übertragen wurde. Und wenn ich ganz ehrlich bin, dann gebe ich zu, dass ich den ein oder anderen kreativen Auswuchs einfach nur scheußlich finde. Dieses Empfinden ändert jedoch nichts daran, dass ich diese Art der Arbeit anerkenne. Denn was kann ein Künstler schon dafür, dass ich seine Ausdrucksweise nicht verstehe?

Überall Bilder, überall Farbe, überall ein wohlgeordnetes Chaos. „Das gefällt mir!“ sagte ich, auf eine Komposition aus Schenkeln wilder Tiere zeigend. „Märchendschungel heißt es, eine Auftragsarbeit für einen Galeristen, der sie an einen Industriellen vertickt“, antwortete Kai. „So verdienst du also dein Geld“, erwiderte ich. „Wenn es ums Geld geht“, antwortet er, „dann nehme ich solche Aufträge an. Von irgendetwas muss ich ja schließlich leben.“ „Und wenn es nicht ums Geld geht?“ wollte ich wissen. „Dann folge ich meiner Intuition. Willst du mal sehen?“ Natürlich wollte ich es sehen. Vielleicht nur aus einer Neugierde heraus. Vielleicht aber auch, um mein Weltbild ein wenig zurechtzurücken und letztlich deshalb, weil ich dieses vollends Neue, das dort auf mich einwirkte, verstehen wollte, wenngleich auch nur oberflächlich.

Kai führte mich in eine dunkle Kammer. Sie war nicht größer als mein Wohnzimmer. Ich ging voran. Als er das Licht einschaltete, überwältigte mich ein Sammelsurium von Aktbildern. Eines schönes als das nächste! „Du siehst mich sprachlos!“ stotterte ich mit offenem Mund. Kai schwieg. Eine ganze Weile betrachtete ich die Kunstwerke und geriet geradezu ins Schwelgen. Nicht nur eines der Bilder, nein, gleich alle hätte ich am liebsten mit nach Hause genommen.

Wieder zurück im Atelier angelangt, stand Kai plötzlich vor mir: „Soll ich mal einen Akt von dir malen?“ Ich war verblüfft. Ich fühlte eine Scham in mir aufsteigen. „Ich kann mich doch nicht einfach hier so ausziehen!“ entgegnete ich ihm. „Warum denn nicht? Die anderen Modelle haben nichts anderes getan“, antwortete er. „Und das Gemälde würdest du mir dann schenken?“ „Ohne weiteres“, lautete das Einverständnis.

Ich überlegte hin und her. Ich wollte nicht als die prüde Jungfrau dastehen, aber auch nicht als ein willfähriges Sternchen, das im Bett des Malers landet, wenn die Arbeit verrichtet ist. Schließlich gab ich nach.

Splitternackt saß ich auf einer kleinen Empore, den Oberkörper nach hinten geneigt, die Beine ein wenig gespreizt. Ich fühlte mich nackt, so wie ich war. Ich fühlte mit bloßgestellt, weil er mich sah. Er, der wie in einem Rausch den Pinsel wieder und wieder mit Farbe tränkte, mit Farbe, die meine eigene war. Als ich mich wieder ankleidete, glänzte mein Kunstwerk so seiden wie eine Haut, die soeben geölt wurde. „Und?“ fragte er kurzum. „Mmh“, resümierte ich und dann noch einmal „mmh“. Ich saß da wie eine Diva auf einem erotischen Filmplakat. Ich saß da und alle Welt sah mich. Die Oberschenkel ein wenig zu dünn, die Brüste größer als ich sie spürte. „Mmh“, wiederholte ich ein zweites Mal und dann gestand ich ehrlich ein, dass er mich fantastisch gut getroffen hatte. „Und dieses Bild kann ich jetzt behalten?“ Kai nickte nur.

Ein paar Tage späte klingelte das Telefon. Kai. „Können wir uns noch einmal sehen?“ fragte der Anrufer. Ein Date ohne Umstände. Wir trafen uns bei ihm zu Hause. Als ich dort angekommen war, erwartete er mich bereits an der Tür. Richtig chic sah er aus. Er trug sogar eine Krawatte. Wir unterhielten uns stundenlang und lachten miteinander. An diesem Abend erschien er mir ganz anders als an den Tagen zuvor. Zwar war er noch immer der Revolutionär, sein Wesen aber wirkte nahbarer, ja fast liebenswert. Beinahe konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er etwas im Schilde führte. In der Tat war er mir sympathisch, eigentlich von Anfang an, doch meine Gefühle ihm gegenüber drängten nicht über eine Freundschaft hinaus. Ja, er war nett, er war – mit etwas Phantasie – recht hübsch anzuschauen. Aber nie und nimmer hätte ich mich in ihn verliebt.

Eine Turmuhr schlug zur Mitternacht. Wir hatten tüchtig dem Wein zugesprochen und lagen, etwas entfernt voneinander auf dem Sofa. „Wo hast du denn das Bild aufgehängt?“ fragte er recht beiläufig. „Über meinem Bett im Schlafzimmer“, erwiderte ich, „dort sieht es nicht gleich jeder.“ „Würdest du mir einen Gefallen erweisen?“ fragte er weiter. „Wenn du schon so herumdruckst, kann das nichts Gutes verheißen, mein Lieber“, wandte ich ein. Nach einem Moment der Stille sagte er schließlich: „Ich würde dich gerne noch einmal malen, ebenso wie zuvor.“ „Damit du das Bild in die Kammer deiner Eroberungen stellen kannst?“ entfuhr es mir recht unwirsch. „Nein, nein“, versuchte er zu erklären, „einfach nur für mich.“ „Ich möchte nach Hause!“ erwiderte ich, „rufst du mir bitte ein Taxi?“

‚Das war es dann wohl‘, dachte ich, im Bette liegend und ließ die Gedanken kreisen. Nach und nach wurde mir bewusst, dass ich überreagiert hatte. Eins und eins zusammenzählend, zog ich, die angehende Psychologin, ein trauriges Fazit: Nach Lage der Dinge war es hochwahrscheinlich, dass Kai sich in mich verliebt hatte. Wie sonst ließe sich erklären, dass er auf einmal so anders war? Und weil es am Abend zuvor zwischen uns nicht gefunkt hatte, verblieb ihm einzig die Resignation. Und die Erinnerung in Form eines neuen Bildes. Ja, so mochte es gewesen sein.

Früh am Morgen klingelte es an der Tür. Halbnackt lief ich hinunter. Ein Bote überbrachte mir einen Strauß Blumen. „Ist das eine Entschuldigung oder ein weiterer Schritt nach vorne?“ fragte ich mich, als ich die Lilien in die Vase stellte. Kurz darauf läutete das Telefon. Auf dem Display sah ich Kais Nummer. „Was ist?“ raunzte ich ihn an. „Hältst du Leinwand und Pinsel schon parat?“ „Nein, nein“, erwiderte er. Und dann sagte er: „Wenn alles nichts ist, dann ist nichts auch alles!“ Ich konnte mir das Lachen nicht verkneifen. „Du kommst also ins Atelier?“ fragte er mit ruhiger Stimme. „Gib mir eine Viertelstunde.“

„Dieser verrückte Kerl, dieser penetrante Typ“, sprach ich laut, im Auto sitzend vor mich hin. „Dieser verrückte Kerl, dieser Macho, glaubt, mich einwickeln zu können.“
Überall Bilder, überall Farbe. Das Spiel begann von neuem. Splitternackt nahm ich Platz auf der Empore. Der Pinsel tauchte. Zwei Augen, zwei Blicke. Doch diesmal ein Schmollmund. Die Brüste größer als zuvor. Steil erregt. Die Beine gespreizt wie der Horizont. „Male, male, mein Liebster, denn jetzt wird es geschehen.“

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